Michael Stock wurde als Kind sexuell missbraucht, jahrelang – von seinem eigenen Vater.
25 Jahre später ist er noch immer auf der Suche nach innerem Frieden. Mit der Kamera besucht er seine Mutter und seine Geschwister. In Gesprächen, eigenen Erzählungen, Familienfilmen und Ausschnitten aus Michaels Projekten entsteht ein Bild seines Lebens. Mit ungeheurer Intensität wird spürbar, wie sehr das Trauma seiner Kindheit alles überschattet.
Trotz des unfassbaren Dramas aber ist Postcard to Daddy nicht von Hass geprägt, sondern von überraschender Hoffnung und Liebe zum Leben. Michael Stock will nicht anklagen, sondern verstehen.
Als er und sein Vater fast gleichzeitig einen Schlaganfall haben, will Michael nicht die womöglich letzte Chance verpassen. Mit der Videobotschaft – der „Postkarte an Daddy“ – im Gepäck besucht er das erste Mal nach Jahren seinen Vater und konfrontiert ihn vor laufender Kamera …
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„Postcard To Daddy“ ist die autobiographische Geschichte eines sexuellen Missbrauchs des Autors Michael Stock durch den eigenen Vater im Alter zwischen 8 und 16 Jahren. 25 Jahre später konfrontiert er vor laufender Kamera seine Familie und auch seinen Vater.
Damit taucht Regisseur Michael Stock, der selber Kamera führt, in die Geschichte seiner linksliberalen Familie ein, in der sexuelle Gewalt unvorstellbar schien. Beim sich gegenseitig den Rücken kraulen kam es zur Grenzüberschreitung aus der jahrelanger sexueller Missbrauch wurde. Warum dies nur den jüngsten der drei Kinder trifft ist nur eine der vielen Fragen, die dem Autor bis ins Erwachsenenalter unbeantwortet bleiben. Eigene Scham und Schuldgefühle, aber auch das Gefühl ein Nestbeschmutzer zu sein, treiben den Autor immer wieder an, seine traumatische Vergangenheit zu bewältigen.
Die hautnahe Aufarbeitung dieses Familiendramas gelingt dem Autor zunehmend durch die Intimität, da er auf ein großes Filmteam verzichtet und somit die spontanen Reaktionen aller Familienmitglieder affektiv erfasst.
In seiner Heimat im Schwarzwald führt er Gespräche mit seinen älteren Geschwistern Anja und Christian und seiner Mutter Margret, die aus ihrer subjektiven Sicht erzählen, was sie erlebt haben und welche Folgen das Familiendrama für sie bis heute hat.
Die konsequente Haltung seiner Schwester, Anja, Sozialpädagogin und selbst mittlerweile Mutter von zwei Söhnen, gegenüber ihrem Vater ist eindeutig: Sie möchte nicht, dass ihre Kinder ihren Vater als Großvater erleben und bricht den Kontakt zu ihrem Vater ab.
Michaels älterer Bruder Christian, Politologe und Redakteur, ist der einzige, der den Kontakt zu seinem Vater bis heute aufrechterhält. Auch er kann kaum nachvollziehen, was damals geschehen ist. Er lehnt den Missbrauch unmissverständlich ab – aus persönlicher Erschütterung ebenso wie aus gesellschaftspolitischer Überzeugung, zumal er selbst mittlerweile Vater ist. Zugleich erinnert er sich auch an die schönen Zeiten, an die gemeinsamen Urlaube, die Segeltörns und die Versuche des Vaters, seinen Kindern eine schönere Kindheit zu ermöglichen, als er sie selbst erlebt hatte. Er verdeutlicht damit seine innere Zerrissenheit.
Regisseur Michael Stock selbst gibt Einblicke in sein extremes Leben. Immer auf der vergeblichen Suche nach innerem Frieden wird mit ungeheurer Intensität spürbar, wie sehr das Trauma seiner Kindheit alles überschattet. Er erzählt selbst von seinen eigenen Scham- und Schuldgefühlen in der Pubertät und identifiziert dabei seine späteren sexuellen Verhaltensmuster: Promiskuität, der innere Zwang anderen „zur Verfügung“ stehen zu müssen und die Respektlosigkeit sich selbst gegenüber sind Folgen des sexuellen Missbrauchs. Ohne dabei die Schuld beim Vater zu belassen. Er spricht über das Ausbrechen aus der Opferrolle und berichtet von den harten Konsequenzen seines eigenen Handelns im Alltag mit HIV und anderen schweren Erkrankungen. Offen bleibt für ihn jedoch, wie der Vater mit den Konsequenzen seines Handelns lebt.
Trotz dieses ungeheuerlichen Dramas aber ist Postcard to Daddy ein Dokumentarfilm, der nicht von Hass geprägt ist, sondern von überraschender Hoffnung und Liebe zum Leben. Mit gerade einmal 24 Jahren dreht Michael Stock sein Spielfilmdebüt „Prinz in Hölleland“, den er mit Hilfe seines ersten Lebenspartners macht, Thomas Blum, der ebenfalls aus dem Schwarzwald kommt. Er erzählt von den Auswirkungen des Traumas seines Partners, in deren Beziehung und berichtet von Michaels jahrelangen Ringen um eine Aussprache mit dessen Vater. Doch die Versuche bleiben erfolglos, und eine Reaktion seitens des Vaters kommt erst, als 1994 über die Presse bekannt wird, dass Michel die Missbrauchsgeschichte in Form eines Spielfilmes umzusetzen versucht.
Im Herbst 2007, fast zeitgleich mit seinem Vater, erleidet auch Michael einen Schlaganfall. Nach Monate langer Reha nimmt Michael Stock dieses Ereignis zum Anlass, sich noch einmal seinem Kindheitstrauma anzunähern. Er beschafft sich sein eigenes Film-Equipment und macht sich ein weiteres Mal auf die Reise in seine Vergangenheit. Diesmal mit Erfolg:
Auf der „Gesundungsreise“, die er nach dem Schlaganfall gemeinsam mit seiner Mutter nach Thailand unternimmt, entsteht die „Postcard To Daddy“, eine Art Videobotschaft an seinen Vater, in der er sich zunehmend auch an die schönen Zeiten seiner Kindheit erinnern kann. In vielen Gesprächen sucht er nach seinem inneren Frieden, den er zu finden glaubt, in dem er seinem Vater auch in Persona verzeiht. Nach Meinung seiner Mutter bleibe es jedoch eine Illusion von Michael, dass sein Vater jemals die Verantwortung für seine Handlungen übernehme.
Nachdem sich ihr Sohn im Alter von 19 Jahren nach einem Suizidversuch ihr anvertraut, nimmt sie eine zentrale Rolle in seiner Problembewältigung ein. Darüber hinaus erzählt sie von ihren Schuldgefühlen, nie etwas bemerkt zu haben, obwohl sie , wie Michael ihr berichtet, ein paar Mal in die Situation des Missbrauchs hineinplatzte, als sie „zu früh“ nach Hause kam.
Doch auf der Reise in die Vergangenheit wird auch ihr klar, dass zum damaligen Zeitpunkt noch kein Bewusstsein über sexuelle Gewalt in Familien existierte. Niemals wäre sie auf die Idee gekommen, dass der Vater einem ihrer Kinder so etwas antun würde. Ganz im Gegenteil war diese Zeit geprägt von alternativen Erziehungsmodellen wie beispielsweise Summerhill- und Waldorfschulen und dem Glauben es besser zu machen, als ihre Elterngeneration. Sexuelle Aufklärung hat sie als junges Mädchen nie erfahren. Und auch das Sexualleben in dieser Ehe ließ nicht darauf schließen, dass ihr Mann päderastische und homosexuelle Neigungen hat.
Nach der Aufdeckung des sexuellen Missbrauchs in der eigenen Familie entscheidet sich die Mutter für eine psychotherapeutische Ausbildung. Bis zu ihrer Pensionierung arbeitet sie in einer Beratungsstelle, in der sexuelle Gewalt zum Arbeitsalltag gehört. Aus dieser fachlichen Perspektive schildert sie heute die damaligen Reaktionen ihres Ex-Ehemannes als geradezu lehrbuchmäßig, denn er wendet er alle Schuld von sich ab. Er behauptet, dass sie ihm im Laufe ihrer Ehe sexuell auch nicht mehr zur Verfügung stand und benennt sogar den Sohn selbst als den „Verführer“, denn er habe ihn nur sexuell aufklären wollen.
Es macht Michael bis heute wütend, auf welche Art und Weise sein kindliches Vertrauen in seinen Vater missbraucht wurde als z.B. die sexuelle Aufklärung durch den Vater in eine sexuelle Handlung verkehrt wurde.
Wut und Ohnmacht waren für Michael immer wieder das Leitmotiv, mit seiner Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen. Aus eigener Erfahrung weiß er, wie wenig darüber gesprochen wird, wie schwer es für betroffene Männer ist, sich zu artikulieren.
Als er 1995 von einem Fernsehsender einen Drehbuchauftrag für seine Missbrauchsgeschichte bekommt, lernt er seinen zweiten Lebenspartner kennen. Rémi Kaltenbach, ein französischer Architekt, der wohl selber gerne Filmemacher geworden wäre und ihm als Co-Autor zur Seite steht. Der drängt ihn zunehmend dazu, sich mit seinem Vater auszusöhnen. Mit der Information, dass er sich mit HIV infizierte, „lockt“ Michael seinen Vater nach Berlin, wo es zu einer Aussprache kommt.
Zu spät erkennt Michael, dass Remi‘s Bemühungen für eine Aussöhnung zwischen Michael und seinem Vater eigentlich auf die Annäherung an seinem eigenen Vater abzielen. Ganz im Gegensatz zu Michael hat Rémi sich bereits als Kind die Liebe und Nähe zu seinem Vater gewünscht und noch als erwachsener Mann hofft er, dass sein Vater ihn einmal in den Arm nimmt und schlichtweg akzeptiert, dass er schwul und HIV positiv ist.
Ausgelöst durch Michaels Konfrontation mit seinem Vater rutscht Rémi in eine Psychose. Während Michael noch im Drehbuch an der „Aussöhnung“ schreibt, verfällt sein Lebenspartner in religiöse Wahnvorstellungen. Er glaubt, Schwul sein sei das Werk Satans und Aids die Strafe Gottes. Nach einer scheinbar erfolgreich beendetet Psychotherapie kauft Michael seinem Freund einen Campingbus und sie machen eine letzte gemeinsame Reise auf der iberischen Halbinsel. Auf der Reise, die Michael mit einer Amateurkamera festhält, kommt Rémi jedoch zu dem Schluss, dass es mit seinem Vater wohl nie zu einer Aussöhnung kommen werde und nimmt sich in Frankreich eine Woche nach Michaels Abreise das Leben.
Wut und Hass richtet Michael damals vor allem gegen seinen Vater, als der ihm am Telefon sein Beileid ausdrücken will und verhindert somit die eigene Aussöhnung.
Darüber hinaus teilt ihm der zuständige Chefredakteur des Fernsehsenders mit, dass für ihn die Aussöhnung mit dem Vater im gleichnamigen Drehbuch noch unappetitlicher als die Vergewaltigung selbst ist. Michaels Filmvorhaben „Die Aussöhnung“ verschwindet in der Schublade. Der Trauer folgen flogen wieder Jahre des Schweigens, sich Schuldigfühlens, des Versagens.
Vielleicht führten die eigenen Schuldgefühle und das Verlangen sich selbst zu vergeben dazu, dass Michael auf der „Gesundungsreise“ in Thailand erneut den Kurs der Versöhnung mit seinem Vater einschlägt. Viel hat er nicht mehr zu verlieren und möchte die Chance nicht versäumen mit seinem Vater endlich Frieden zu schließen. Er fasst also noch während der Film entsteht den Entschluss, seinen Vater noch einmal mit dem Thema persönlich zu konfrontieren und bittet seine Mutter um ihre Erlaubnis, dem Vater die gemeinsamen „Urlaubsbilder“ zeigen zu dürfen. Das bis jetzt noch offene Ende des Films wird vom Leben selbst geschrieben:
Mit einem Rohschnitt seiner Videobotschaft, der „Postcard To Daddy“, im Gepäck, stattet er am Ende des Films seinem Vater noch einmal in seiner Heimat im Schwarzwald einen Besuch ab und konfrontiert ihn vor laufender Kamera.
Obwohl sich der Vater der vollen Tragweite seines Verhaltens noch immer nicht bewusst ist, da sein eigenes Verhalten zeigt, wie schockierend banal für ihn das Ganze ist, bereut er zum ersten Mal sein Vergehen und stellt sich offen der Auseinandersetzung mit seinem Sohn. Damit ermöglicht er Michael erste wichtige Schritte, um endlich Frieden zu finden – Frieden zu finden mit einer Tat, die sein Leben für immer geprägt hat.